WIENER WALD-NYMPHEN

Kommt einer unserer Schönheitsucher nach Wien, so gibt es außer all den Architekturwundern wohl dreierlei, das seine Gedankenwelt fesselt: Die Praterauen, diese uralte Lunge an der Donau, das „Gänsehäufl", mit dem herrlichsten Familienbad, umgeben von zahlreichen Freibädern, von entzückendsten Flußbildern und der Wienerwald selbst. In diese drei Gegenden führen die unter dem Namen „Wiener Wald-Nymphen, Serie 8" zusammengestellten und von Kunstmaler Büchler gemachten zehn Aufnahmen, von denen neun auf Seite 43 zur Wiedergabe gelangten. Da wird wohl mancher Ortskundige fragen: „Kaum glaublich; im Prater, bei den fortgesetzt flutenden Menschen?!" Und die Antwort folgt: „Ja, ja, das sind Erinnerungsblätter aus der Zeit vor dem Kriege". Da dachte keiner daran, sich sittlich zu entrüsten. Da kommt der starke Einschlag künstlerischen Empfindens bei den Wienern zum Durchbruch.Und nun der „Wiener Wald", dieser Ausläufer der niederösterreichischen Alpen, der mit seinem Kobenzl und Kahlenberg das Bollwerk gen Osten gebildet hat, dessen Waldesrauschen Mozart, Beethoven und Schubert begeisterten!Ja, wenn der Wiener feiert, so brauchten sein Rhythmus und sein Kunstsinn auch ein Teilchen seiner Seele, so zum Annenfest, das auf dem Kahlenberg mit Tanz und Schönheitswettbewerb alljährlich begangen wird.So belebt Reihe 8 denn diese drei Stätten mit den wundervoll körperlichen Bildern: Nymphen am Wasserrand, im Prater und im „Wiener Wald!" Eigenartige Reize weisen die Bilder durch die greifbare Wirklichkeit von Halm und Strauch, von Blatt und Baum auf, dazwischen der runde, glatte Frauenkörper, die starke Fernwirkung, das spiegelnde Wasser, der tiefe Hintergrund. Mögen diese Bilder aus dem reichen Licht- und Luftmeer der Wiener auch ein wenig Sonne, Lebenslust, Körperlinien in alle Welt hinaustragen!

Aus KAMERA und PALETTE III, Seite 44. Verlag der Schönheit, Dresden. 1927. (© Text überarbeitet von D. Schulte)